Von der Matte ins Leben (1):
Im Körper wohnen
von Michaela Kleber
Yoga hat den Anspruch, Transformation zu bewirken: Unser ganzes Sein kann sich durch langjähriges Üben grundsätzlich verändern.
Das setzt voraus, dass wir die Zeit auf der Yogamatte nicht als Flucht aus dem Alltag sondern als Schule für den Alltag betrachten, dass wir unser Üben nutzen, um schrittweise einen bewussteren und heilsameren Umgang mit Körper und Geist zu erlernen und dass wir uns im Alltag immer wieder an diese Erfahrungen erinnern und sie anzuwenden versuchen.
Ein erster Schritt ist die Veränderung in unserer Körperwahrnehmung und unserem Umgang mit dem Körper:
Richten wir im Yoga zum Beispiel im aufrechten Stehen die Aufmerksamkeit auf jedes Detail der Körperwahrnehmung, dann werden wir sehr schnell auf unangenehme Empfindungen aufmerksam: Durchgedrückte Knie führen zu unnötiger Anspannung im unteren Rücken; ein eingesunkener Brustkorb schiebt den Kopf nach vorne und lässt im Nacken unangenehme Verkrampfung entstehen; usw. Wir spüren, wie der feine Zusammenhang zwischen der richtigen Spannung in den Fußgewölben und im Beckenboden uns hilft, die natürliche Aufrichtung der Wirbelsäule zu finden, den Brustkorb auf sanfte Weise zu öffnen, den Schultergürtel angenehm zu entspannen und den Kopf mühelos auf dem Rumpf zu balancieren. Solche Erfahrungen prägen sich ein und tauchen im Alltag als Erinnerung plötzlich wieder auf. Irgendwann ist es dann nicht mehr möglich, längere Zeit in einer unguten Körperhaltung zu verbringen, ohne dass uns dies bewusst wird.
Die Arbeit mit den Asanas oder Körperstellungen läuft darauf hinaus, dass wir lernen, jederzeit soviel Kraft wie nötig und soviel Entspannung wie möglich aufzuwenden.
Stehen wir zum Beispiel in irgendeiner Variation der Hocke oder des Kriegers, dann entstehen muskuläre Anstrengung und Hitze. Wie können damit experimentieren, die Hitze in den Beinen und im Becken zu lassen, da wo die Muskeln gebraucht werden, um das Asana richtig zu halten. Gleichzeitig können Rücken, Oberkörper, Schultergürtel und Nacken leicht und frei bleiben. Auf diese Weise sind wir gleichzeitig angespannt und entspannt. Ursprünglich schwierige Haltungen werden leichter und angenehmer. Gleichzeitig stabil und leicht soll die Haltung sein, heißt es schon im Yogasutra des Patanjali.
Bei der Kraft wie bei der Dehnbarkeit lernen wir aber auch die Grenzen des Körpers kennen. Hier gilt: Die Grenze ist ein Ort, wo ich noch gut sein kann.
Auf der Matte können wir ganz direkt erfahren, was dieser Satz bedeutet. Wenn ich mich zum Beispiel im Sitzen aus der Grätsche nach vorne beuge, spüre ich schnell auf den Innenseiten meiner Oberschenkel eine Dehnung. In diesem Moment beginnt schon die Wahrnehmung von "Grenze". Von dieser ersten Wahrnehmung bis zu der "harten Grenze", dem Punkt, an dem die Verletzungsgefahr beginnt, gibt es einen sicheren Bereich, wo ich der Schwerkraft nachgeben und mich in die Dehnung hinein entspannen kann. In diesem Bereich hat der Körper ein weiches, elastisches Gefühl; da ist immer noch Spielraum für kleinste Bewegungen. Dieser Ort, wo ich noch gut sein kann, ist niemals bei 100 Prozent meiner momentanen Dehnbarkeit, ich zwinge den Körper nicht.
Was würde es bedeuten, diese Erfahrungen auf den Alltag zu übertragen? Denke an ein schwieriges Thema in deinem Leben, bei dem du dich sehr stark gefordert fühlst. Was wäre anders, wenn du jederzeit im Umgang damit soviel Aufmerksamkeit, Bemühung und Kraft wie nötig und soviel Gelassenheit wie möglich einsetzen würdest? Wenn du bei allem Engagement so mit dir selbst in Kontakt bleiben könntest, dass die Grenze, bis zu der du gehst, ein Ort wäre, an dem du noch gut sein kannst?
Yoga hilft mir auch jenseits der Yogamatte mehr in meinem Körper zu wohnen. Ich mag den Ausdruck "im Körper wohnen" und verbinde damit zwei Gedanken:
Zum einen ist der Körper für dieses Leben meine (einzige) Wohnung; dieser Gedanke erzeugt unmittelbar so etwas wie Wertschätzung und Sorgfalt im Umgang mit diesem kostbaren Geschenk. Zum anderen stellt sich mir die Frage, wer es ist der da wohnt. Wenn ich in meinem Körper wohnen kann, bin ich ganz offensichtlich nicht nur mein Körper. Aber davon bei nächster Gelegenheit mehr.