Die Kunst der Zufriedenheit

von Michaela Kleber

Zufriedenheit ist der Stein der Weisen, der alles in Gold verwandelt, was er berührt.

Benjamin Franklin

Die Zufriedenheit, die ich hier meine, ist nicht einfach nur eine gesunde Reaktion auf gute Lebensumstände. Wäre das alles, so würde die Zufriedenheit jedes Mal verloren gehen müssen, wenn die äußeren Bedingungen gerade nicht so gut sind. Die Zufriedenheit, die ich meine, ist vielmehr ein Schritt in die Freiheit, Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit von den äußeren Umständen.

Wenn Zufriedenheit eine Kunst ist, dann braucht sie – wie jede andere Kunst auch – ein wenig Talent und viel Übung. Die Übung lässt sich beschreiben und ebenso das Ergebnis, an dem wir sehen, dass wir diese Kunst ein Stück weit erlernt haben.

Die Liste der Synonyme im Duden gibt klare Hinweise auf das Ergebnis der Übung. Da finden sich zum einen Worte wie Ausgeglichenheit oder Harmonie, die darauf hindeuten, dass Zufriedenheit etwas in uns in Balance bringt. In diesem inneren Gleichgewicht empfinden wir dann zweitens Wohlbefinden, Wohlgefühl oder – ein wenig altmodischer ausgedrückt – Wohlbehagen, ein angenehmes Gefühl, das alle Ebenen von Körper und Geist einschließt. Und nicht zuletzt enthält die Duden-Liste auch Worte wie Erfüllung, Freude und Seligkeit, ein attraktives Ziel, das über das bloße Fehlen von nagender Unzufriedenheit weit hinauszugehen scheint.

Doch wie übt man diese Kunst? Vier Punkte erscheinen mir besonders wichtig:

Das Verlangen als unstillbar erkennen

In jedem Lebewesen ist der Drang und die Fähigkeit angelegt, Angenehmes wiederholen und Unangenehmes vermeiden zu wollen. Diese Fähigkeit ist für das Überleben unerlässlich, denn sie hilft uns dabei, uns ausreichend und bekömmlich zu ernähren, uns vor Hitze, Kälte und Angriffen zu schützen, Kontakt, Zuneigung und gegenseitige Unterstützung zu suchen und zu geben und vieles mehr.

Allerdings kennt dieser Drang auch keine Grenzen und keine vorausschauende Vernunft. Alles, was das Belohnungszentrum des Gehirns kurzfristig in Gang setzt, möchten wir automatisch wiederholen: einen Schnäppchen-Einkauf tätigen, Eis essen, eine Zigarette rauchen, ein Bier trinken, einen Film sehen, das neueste Elektronik-Spielzeug bekommen, über andere tratschen, mehr Geld verdienen, Aufmerksamkeit bekommen, gelobt und bewundert werden, geliebt werden, eine Reise planen, etwas tun, was einen Adrenalin-Kick verspricht... Diese Liste lässt sich beliebig verlängern und hat je nach Geschmack, Temperament und Lebensgeschichte individuell unterschiedliche Facetten. Das Objekt unseres Verlangens ist jedoch dabei ziemlich nebensächlich und austauschbar. Es geht immer nur um denselben Kreislauf: Haben wollen, bekommen, kurzzeitig entspannt oder sogar glücklich sein, mehr haben wollen und immer so weiter.

Unser Wirtschaftssystem mit seinen eingebauten Wachstumszwängen baut auf diesem Kreislauf des unstillbaren Verlangens auf, begünstigt die Gier und lässt uns blind werden für das subtile Leid, das das Haben-wollen und Erleben-wollen selbst uns verursacht (von der Ausplünderung des Planeten spreche ich hier gar nicht). Denn dieses ständige Verlangen, die nagende Unzufriedenheit ist der Motor, der uns antreibt und nicht zur Ruhe kommen lässt. Und der Glaube, dass wir erst etwas bekommen müssten, um zufrieden zu sein, macht uns auf ewig abhängig von den ständig wechselnden äußeren Umständen. Deshalb heißt es im Yogasutra: Wer die Weisheit der Unterscheidung besitzt, erkennt auch das Verlangen selbst als leidvoll.

Wenn wir aus unserer eigenen Erfahrung heraus erkennen, dass das Stillen des Verlangens immer nur für einen kurzen Moment gelingt und dass wir die Unzufriedenheit und das Mehr-haben-wollen damit noch füttern, entsteht so etwas wie Distanz gegenüber dem Verlangen. Wir können aus dem Hamsterrad aussteigen und neu überdenken, was wir wirklich brauchen und was uns wichtig ist.

Ziele verfolgen, ohne sich vom Erfolg abhängig zu machen

Auch wer die Zufriedenheit kultiviert braucht Ziele und Aufgaben. Etwas durchdringen und verstehen, eine Fähigkeit erlernen, sich aus bedrängenden Lebensumständen befreien, einen befriedigenderen Arbeitsplatz ergattern, an einem neuen Ort Freunde finden, ein politisches Vorhaben umsetzen, und ja, vielleicht auch zufriedener oder mutiger oder mitfühlender werden. Wieder so eine Liste, die jeder für sich selbst schreiben kann.

Wichtig ist dabei, dass wir lernen, ein solches Vorhaben mit der richtigen Motivation zu beginnen, nicht aus Angst vor der Leere oder aus Ruhelosigkeit, sondern mit einer klaren, ruhigen Einsicht in das, was uns wichtig ist. Zweitens geht es darum, unser Vorhaben in kleine, realistische Schritte aufzuteilen und uns über jeden Schritt zu freuen. Und das Wichtigste ist vielleicht, dass wir unser inneres Gleichgewicht nicht vom Erfolg oder Misserfolg einzelner solcher Projekte abhängig machen. Wir tun unser Bestes mit Geduld und Humor und wissen aber auch, dass der Erfolg von unzähligen Einflussfaktoren abhängt, die wir nicht kontrollieren können.

Gelassenheit üben

Je globaler der Charakter unsere Ziele ist, umso verschwindender ist unser Einfluss. Da steckt eine große Weisheit in der Maxime „Think global and act local.“ Denke in globalen Zusammenhängen und suche dir ein lokales Projekt für dein Handeln. Die konsequenteste Umsetzung dieser Maxime liegt in den Fragen: Welches ist mein Anteil an dem Problem, das ich sehe? Und: Welches könnte mein Beitrag sein zu der Veränderung, die ich sehen möchte? Dann beginnen wir bei uns selbst und schauen, ob und wie diese kleine Veränderung ausstrahlt auf andere.

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass wir nicht alles erreichen können, was wir uns wünschen. Dem heiligen Franz von Assissi wird ein berühmtes Gebet um Gelassenheit zugeschrieben, das die Aufgabe klar beschreibt, vor der wir immer wieder stehen: „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen.“

Dankbar sein

Je weniger wir uns in das Haben-wollen und in die Aufregung über Unabänderliches hineinsteigern, desto deutlicher spüren wir vielleicht, was da ist. Lebendig sein, ein Lächeln im Vorübergehen, Liebe empfinden, genug zu essen haben, etwas Interessantes entdecken und erforschen, sich an etwas Schönem erfreuen, jemandem nützlich sein dürfen... Auch diese Liste ist individuell verschieden und lässt sich endlos fortsetzen.

Oft höre ich die Metapher vom halbleeren oder halbvollen Glas. Wer das Glas als halbvoll betrachtet, ist ein Optimist. Optimisten – so lehrt uns die psychologische Forschung – sind im Durchschnitt selbstsicherer und seelisch gesünder als Pessimisten. Mir ist das inzwischen zu wenig, denn im Bild vom halbvollen Glas steckt ja immer noch das Verlangen nach mehr, wenn auch verbunden mit der Zuversicht, dass ich auch mehr bekommen werde. Wie wir im Abschnitt über die Unstillbarkeit des Verlangens gesehen haben, wird dann mit großer Wahrscheinlichkeit „das Glas sich ausdehnen“ und wieder nur halbvoll sein.

Manchmal versetzt es mich in Staunen, dass eine Blume, ein alter Baum, eine Landschaft, ein Tier, eine Straßenszene, ein anderer Mensch, eine Musik mich so tief berühren können. Solche Momente erinnern mich an die eigene innere Fülle, die immer schon da ist, die ich auch berühren kann, wenn ich einfach nur stillsitze und in mich hineinhorche. Und dann weiß ich, dass das Glas eigentlich randvoll ist – auch wenn ich das nicht in jedem Moment so klar sehen kann.