Schultern und Nacken befreien

von Michaela Kleber

Verspannungen und Schmerzen in Schultern und Nacken gehören zu den häufigsten körperlichen Beschwerden, über die ich Menschen in der Yogapraxis wie auch im Bekanntenkreis klagen höre. Oft sind Schultergürtel und Nacken nur die Symptomträger, während die Ursachen an ganz anderer Stelle im Körper, in den Bewegungs- und Haltungsgewohnheiten und im Geist zu finden sind.

Viele Menschen tragen ihre Schultern nicht neben dem Körper sondern etwas nach vorne gezogen. Entsprechend sitzt der Kopf nicht auf dem Rumpf sondern etwas davor. Die Nackenmuskeln bauen Spannung auf, um den schweren Kopf zu halten. Wenn man in dieser Stellung die Arme bewegt, spürt man Anspannung im Schultergürtel, möglicherweise sogar eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Verbringen wir relativ viel Zeit in dieser gerundeten Stellung, so bleibt dies auf die Dauer nicht ohne Folgen: Die Schulter- und Nackenanspannung wird chronisch. Schultergelenke und Bandscheiben der Halswirbelsäule können dauerhaften Schaden nehmen.

Als „Bösewicht“ wird meistens das Smartphone diskutiert, insbesondere, wenn Menschen mehrere Stunden täglich damit verbringen. Tatsächlich können Rundrücken und Kinnvorschub bei jeder Tätigkeit entstehen, bei der wir mit den Händen vor dem Körper agieren, den Blick auf einen Bildschirm, ein Werkstück oder ein Buch gerichtet, ohne Bewusstsein für die Aufrichtung der Brustwirbelsäule. Oft gehen solche Gewohnheiten mit einem schwachen oberen Rücken einher und sind bei Menschen zu finden, die sich überhaupt zu wenig bewegen. Aber auch sportliche Menschen mit guter Muskelkraft können Probleme in Schultergürtel und Nacken entwickeln, wenn sie einseitig die Körpervorderseite trainieren und die Rückenmuskeln vernachlässigen. Handballern kann das zum Beispiel leicht passieren oder sogar Bodybuildern, die sich einseitig für die vordere Schultermuskulatur und das Sixpack am Bauch interessieren. Dann fehlt ein gutes Gleichgewicht zwischen den stärker trainierten Muskeln, welche die Schultern nach vorne ziehen, und den vernachlässigten Muskeln, welche für die Bewegung der Schultern nach hinten und unten verantwortlich sind.

Nicht immer sind die Tätigkeiten das Problem: Wenn jemand zum Beispiel etwas plattfüßig und mit auswärts gedrehten Fußspitzen geht und steht, fehlt es oft schon im Becken und in der ganzen Wirbelsäule an Aufrichtung. Rundrücken und Kinnvorschub sind dann nur die logische Folge eines Problems, das eigentlich in Füßen und Beckenboden begonnen hat.

Vor einigen Jahren hatte ich über Wochen hinweg einen stechenden Schmerz im Schulterbereich zwischen dem rechten Schulterblatt und der Wirbelsäule. Aus meinen Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten war das Problem nicht zu erklären. Nach einigem Forschen stellte sich heraus, dass meine rechte Schulter eine mir nicht bewusste, subtile aber hartnäckige Dauerspannung mit rein psychischem Ursprung hatte: ein hohes Maß an beruflicher Verantwortung verbunden mit einem Mangel an echter Gelassenheit. Durch geduldiges Loslassen-Üben in der Meditation und in bestimmten Arbeitssituationen hat sich der Schmerz irgendwann gelöst.

Andere Menschen spüren ein ähnliches Symptom ein wenig höher am oberen inneren Rand des Schulterblatts: Das ist die Stelle, an der Atlas aus der griechischen Sage das Himmelsgewölbe oder die Erdkugel auf den Schultern trägt, und an der viele von uns auch ihre psychischen Lasten schultern. Manchmal spielt auch Angst oder Unsicherheit eine Rolle: Stell dir vor, du würdest plötzlich erschrecken. Was passiert im Körper? Möglicherweise ziehst du Schultern und Kopf nach vorne und das Brustbein nach innen in einer Geste des Selbstschutzes. Anhaltende Angst wird zum Dauerstress und sitzt uns buchstäblich im Nacken. Verschwinden Stress und Angst, dann atmen wir auf, das Brustbein hebt sich, wir hören auf uns zu schützen und können mit der Brustpartie auch das Herz öffnen, und auf einmal sind Schultern und Nacken wieder an ihrem angestammten Platz, leicht und frei.

Aus diesen Andeutungen wird klar: Schultern und Nacken zu befreien kann eine vielschichtige Aufgabe sein. Den richtigen Stand üben, den oberen Rücken stärken, die richtigen Schultermuskeln trainieren, Ängste und Anspannungen loslassen und zu einer bewussten und gelassenen Aufrichtung finden und dann in der Hektik des Alltags immer wieder merken, wenn wir in die falschen Gewohnheiten zurückgefallen sind … Aber die Mühe lohnt sich, denn mit Schultern und Nacken befreien wir am Ende immer auch ein wenig unser Herz.