Geistige Hygiene in Krisenzeiten

von Michaela Kleber

Vor einiger Zeit traf ich eine Bekannte, die gerade eine Krebsdiagnose erhalten hatte. Ich wusste, dass sie meditieren gelernt hatte, und fragte sie, wie sie in ihrem Geist mit der Situation umging. "Ich übe, nichts dazu zu machen," sagte sie. Und das ist in einem kurzen Satz zusammengefasst die Botschaft dieses Textes. Etwas trifft uns "von außen", eine Krankheit, ein Streit, ein Verlust, ein Unfall, eine krisenhafte Situation. Für gewöhnlich belassen wir es nicht bei der Wahrnehmung der unvermeidlichen Wirkung auf uns, sondern wir "denken es weiter", fantasieren über Ursachen, über die Schuldigen und deren Motivationen, extrapolieren in die Zukunft und ängstigen uns vor dem, was kommen könnte, steigern uns in tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeiten hinein und pflegen Kränkungen. Dieses "Dazugemachte" macht einen großen Teil des Leidens aus, das wir empfinden. Wenn wir es schaffen, "nichts dazu zu machen", haben wir uns und anderen viel Leid erspart.

Die zwei Pfeile

Buddha, so heißt es in einem alten Text (Sallattha Sutta) wollte einmal seinen Schülern erklären, wie sich unser Umgang mit Schmerz verändern könnte, wenn wir seine (Buddhas) Lehre tief verstünden und umzusetzen wüssten: Wer einen Schmerz erleidet und es nicht besser weiß, so sagte er, der "trauert und beklagt sich, weint und schlägt sich auf die Brust und ist verstört." Wenn wir so reagieren, ähneln wir jemandem, der von einem Pfeil getroffen worden ist und unmittelbar danach noch ein zweites Mal von einem Pfeil getroffen wird. Wir spüren nicht nur den unvermeidlichen Schmerz des ersten Ereignisses, das uns von außen getroffen hat, sondern wir stemmen uns gegen diese unangenehme Erfahrung und geraten in einen inneren Aufruhr, der wie ein "zweiter Pfeil" wirkt und das Leiden entsprechend vergrößert. Und auch alle Versuche, diesem Leiden durch Ablenkung und Genuss beizukommen, sind zum Scheitern verurteilt, weil die Befriedigung, die dadurch entsteht, nie von Dauer ist.

Die Wirkung der Meditation

Die Alternative kann ich hier nur andeuten: Mit zunehmender Übung in der Meditation können wir immer deutlicher sehen, dass Lust und Schmerz, alle angenehmen und unangenehmen Gefühle, kommen und gehen. Nichts ist beständig, nichts bleibt, weder das Schöne noch das Schreckliche. Jeder Versuch, an dem einen zu klammern und das andere abzuwehren, führt zu unnötiger Verkrampfung. Was dagegen immer gleich bleibt, ist die Bewusstheit, mit der wir dieses Auf und Ab wahrnehmen können, der innere Beobachter, der all dies erlebt. Je mehr wir lernen, dieser Beobachter zu sein, ruhig, klar, freundlich (nicht urteilend!), desto mehr lockert sich unser Verhältnis zu den Turbulenzen im Leben, desto besser können wir die Bühne wahrnehmen, auf der sich das Drama abspielt, den Raum, die Stille. Und, wie ein befreundeter Meditierender gerne sagt, dieser Raum, diese Stille hat einen Geschmack von Freude und Liebe.

Das Auf und Ab des Lebens ist dann immer noch da. Es gibt immer noch Krankheit und körperlichen Schmerz, Tod, Verlust und Trauer, Ärger und Konflikt, Erfolg und Misserfolg, Ablenkung, Vergnügen und sinnlichen Genuss. Aber unsere Wahrnehmung davon wird sehr einfach, nackt, unverstellt. Wir tun, was zu tun ist, und wir fühlen, was gefühlt werden will, aber wir steigern uns nicht hinein, wir machen nichts dazu, wir machen kein Drama daraus.

Was heißt das konkret in der jetzigen Situation?

Was entspricht in der jetzigen Situation dem unvermeidlichen "Schmerz des ersten Pfeils"? Es ist eine komplexe und je nach den individuellen Umständen sehr unterschiedliche Mischung von Wahrnehmungen und Anforderungen: Der Verlust der individuellen Freiheit und mancher liebgewordenen Alltagsgewohnheiten, die extreme Unsicherheit trifft alle. Schlimmer sind verschärfte Einsamkeit, Dauerstress durch das ständige Beieinandersein in zu engen Wohnverhältnissen oder in manchen Berufen durch hohe Arbeitsbelastung unter schwierigen Bedingungen, und nicht zuletzt quälende Gedanken wie Existenzangst und Angst vor Krankheit und Tod. Das alles und vieles mehr vermischt sich und macht es schwierig zu wissen, was unvermeidlicher Schmerz ist und was wir dazu machen. Was könenn wir (auch außerhalb der Meditation) tun, um neben all dem Händewaschen für ein Minimum an geistiger Hygiene zu sorgen? Vor allem diese drei Ideen empfinde ich selbst als hilfreich:

Den Strom der bedrängenden Gedanken nicht füttern

Natürlich brauchen wir Information: Wir möchten die ständigen Veränderungen der Lage mitbekommen, die politische Debatte verfolgen, informiert entscheiden können, wie wir selbst handeln und uns verhalten müssen, um gesundheitlich und finanziell einigermaßen gut durch die Krise zu kommen. Und auch zu wissen und mitzufühlen, wie es anderen geht, ist ja erst einmal nicht falsch. Die Nachrichten- und Diskussionssendungen und die Myriaden von Reaktion in den Social Media-Kanälen können aber auch eine Sogwirkung haben und durch ständige Berieselung die Neigung des Geistes zum Hervorbringen von bedrängenden Gedanken noch bestärken. In den Wochen nach 09/11 habe ich selbst damit ungute Erfahrungen gemacht, die ich nicht mehr wiederholen möchte. Die Medien leben ja davon, zu allem was passiert, eine Menge "dazu zu machen". Das Ganze wird nicht besser durch die Verbreitung von Gerüchten und Fake News, und es hilft, vieles gar nicht oder nur recht selektiv zur Kenntnis zu nehmen.

Auch eigene quälende Gedanken und Gefühle können wir selektiv betrachten: Wenn da zum Beispiel Angst ist oder Zorn oder Trauer, können wir üben, uns ganz still und in liebevoller Weise auf die Wahrnehmung des Gefühls im Körper zu konzentrieren, auf seine Intensität und Veränderung von Moment zu Moment, und die Geschichten zu den Gefühlen immer wieder loszulassen. Indem wir darauf verzichten, sie weiterzuspinnen, entziehen wir bedrängenden Gedanken die Energie.

Das Gefühl von innerer Weite als Wegweiser betrachten

Wer die Berge oder das Meer liebt weiß, wie glücklich der Blick in die Weite machen kann: Alles, was bekümmert und bedrängt, ist dann vielleicht immer noch da, aber es relativiert sich und erscheint plötzlich klein angesichts der Unendlichkeit der Landschaft und des Geistes, der sie sieht. Um uns an die Weite und Raumhaftigkeit unseres Geistes zu erinnern, müssen wir aber nicht unbedingt in die Berge oder ans Meer reisen. Wir können auch zuhause diejenigen Aktivitäten, Gespräche, Gedanken finden und kultivieren, die uns innerlich weit, offen, großzügig und frei machen und andere unterlassen, wenn wir merken, dass sie Gefühle von Enge, Kleinlichkeit und Verzagtheit begünstigen. Schon der Versuch, die Aufmerksamkeit immer wieder einmal auf diesen Aspekt unseres Tuns und Denkens zu richten, kann entspannen und Veränderung bewirken.

Sich und anderen innerlich mehr Raum zu geben schließt auch Humor und Geduld mit ein. Wir leben ja alle in unserem eigenen Film und reagieren sehr unterschiedlich auf das, was gerade geschieht, jede und jeder auf seine eigene, mehr oder weniger neurotische Art. Nehmen wir uns selbst und den anderen auch seltsames Verhalten und krause Gedanken nicht allzu übel!

Soziale Ansteckung positiv nutzen

Als soziale Wesen stecken wir uns nicht nur körperlich sondern auch geistig-emotional ständig gegenseitig an. Diese letztere Art der Ansteckung funktioniert im Schlechten wie im Guten und zum Glück auch auf die Entfernung: Augenkontakt und das Lächeln eines Fremden im Vorübergehen reichen schon aus, um innerlich in Resonanz zu gehen und einen Moment der Freude zu erleben. Ein wunderbares Beispiel für soziale Ansteckung sind die Flashmobs der letzten Tage in Italien und Spanien: gemeinsames Singen auf dem Balkon oder Klatschen als Dank an das medizinische Personal. Jedes Gespräch, jeder Kontakt mit anderen gibt uns die Gelegenheit ansteckend zu sein oder uns anstecken zu lassen mit Interesse, Zuversicht, Gelassenheit, Heiterkeit und – wenn uns all das gerade nicht zu Gebote steht – mit Offenheit und Vertrauen.

Während ich diesen Text schrieb, rief mich ein Bekannter an, der selbst schon seit langem und ganz unabhängig von der aktuellen Pandemie in einer schwer erträglichen Lebenssituation ausharren muss. Er wollte mir ein wenig Licht schicken, meinte er, denn es freut ihn immer so, wenn andere sich freuen. Da war sie, die soziale Ansteckung in ihrer schönsten Form: Wir teilen eine einfache, heilsame Geste und freuen uns an der Freude, die dadurch entsteht.