Niemand ist zu alt, um Yoga zu üben

von Michaela Kleber

Wenn ich älteren Menschen von Yoga erzähle, höre ich oft, sie seien zu alt, um noch damit zu beginnen. Die Vorstellung, Yogaübende müssten schlanke, sportliche, biegsame (also jüngere) Menschen sein, ist weit verbreitet. Tatsächlich eignet sich Yoga für jedes Lebensalter, beinahe vollkommen unabhängig von Figur, Fitness und Gesundheitszustand, wenn wir die Übungen geschickt auf die jeweilige Situation anpassen.

Das eigentliche Ziel des Yoga ist, dass der Geist still wird, entspannt, gelassen und friedvoll. Diesem Ziel dient nicht nur die Sitz-Meditation, ihm dienen letztlich auch alle Körper- und Atemübungen des Yoga. In dieser Sichtweise ist Yoga kein Sport, sondern eine Methode, die Aufmerksamkeit nach innen zu wenden und Körper, Atem und Geist in Einklang zu bringen. Das ist auch mit einfachen Bewegungen und Haltungen möglich. Nicht Kobra, Krieger und Kopfstand sind notwendige Elemente des Yoga sondern die Koordination von Atem und Bewegung und die klare Ausrichtung des Geistes auf beide. „Yoga ist not a work-out but a work-in“ pflegt einer meiner Lehrer (A.G. Mohan) zu sagen.

Yoga ist ein extrem flexibles System, das sich jedem körperlichen Zustand leicht anpassen lässt. In meinen Kursen Yoga 60+ sitzen wir zu Anfang auf Stühlen, wir lassen Konzentration und Atemtechnik allmählich entstehen und beginnen mit Bewegungen, die für alle einfach sind. Von da aus erkunden wir im Stehen, auf allen Vieren und im Liegen alles, was dem Körper möglich ist, und begegnen den Grenzen (die sich bei jeder und jedem an einer anderen Stelle zeigen) mit Respekt, Geduld und Humor. Wir lachen viel. Und wir berücksichtigen in unserer Übeweise all die größeren und kleineren gesundheitlichen Schwierigkeiten, die auftauchen, wie schmerzende Gelenke, Unsicherheiten in der Balance, Nachwirkungen einer Grippe oder Verletzung, Kreislauf- und Herzprobleme oder eine chronische Erkrankung.

Letztlich ist es wie in jedem „normalen“ Yogakurs für jüngere Menschen: Bis ins hohe Alter hinein können wir auf der körperlichen Ebene Kraft, Aufrichtung, Balance, Koordination und Beweglichkeit verbessern oder zumindest den Abbau dieser Fähigkeiten verzögern. Und wir können mit einem langen und ruhigen Atem das vegetative Nervensystem positiv beeinflussen und damit auch Blutdruck, Immunabwehr, Stressverarbeitung, Verdauung und mentale Leistungsfähigkeit. Die Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit gehen aber noch weiter: Neue Gedanken und Handlungen führen – sobald sie zur Gewohnheit werden – auch im Alter noch zum Aufbau neuer Strukturen und Verknüpfungen im Gehirn. Wir können also ganz im Gegensatz zu einem beliebten Sprichwort sehr wohl „aus unserer Haut heraus“: im Körper aufrechter werden, im Geist frischer und gelassener und in unserer Haltung zu uns selber und anderen liebevoller, auch und gerade dann, wenn das Leben uns harte Grenzen aufzeigt.

Das Lebensalter allein sagt nichts darüber aus, ob Yoga 60+ für jemanden der richtige Kurs ist. Wer gesund ist, viele Jahre lang Yoga geübt und eine gute Selbstwahrnehmung hat, kann auch mit über 70 Jahren noch in einer „normalen“ Yogastunde zurecht kommen. Umgekehrt nehmen manchmal jüngere Menschen nach einer Krankheit oder Verletzung gerne an Yoga 60+ teil und fühlen sich dort im Sinne einer „Reha-Sportgruppe“ mindestens vorübergehend besser aufgehoben.

Natürlich gibt es Situationen, in denen diese Art von Gruppenunterricht nicht das Richtige ist: Wer zum Beispiel nicht stehen oder nicht auf allen Vieren sein kann oder nicht selbstständig vom Stehen zum Liegen gelangen oder vom Liegen wieder aufstehen kann, wer massive Bewegungseinschränkungen oder Schmerzen hat, wird sich in Yoga 60+ nicht wohl fühlen können. Yoga lernen im Einzelunterricht ist trotzdem möglich und kann – bei regelmäßiger Übung zuhause – einen großen Gewinn an Lebensqualität bringen, buchstäblich solange man seinen Pullover noch selbst anziehen und selbstständig atmen kann.

Und so erleben die Teilnehmer/innen von Yoga 60+ die Wirkungen ihrer Yogapraxis:

Hildegard Z., 76: "Ich komme vom westlichen Stadtrand, aber es lohnt sich immer, denn nach der Yogastunde fühle ich mich frisch und locker. Ich habe richtig atmen gelernt, mache in der Nacht Bodyscan, dann schlafe ich wieder ein. Als ich letztes Jahr Halswirbelbeschwerden hatte, so dass ich in die Notaufnahme ging, hat mir Michaela geholfen, mich so aufzurichten, dass die Schmerzen ganz verschwanden."

Rudolf M., 71: „Seit ich regelmäßig einen Yogakurs besuche, ist meine Körperwahrnehmung deutlich intensiver und differenzierter geworden. Auch in den normalen Situationen des Alltags spüre ich seitdem eine quirlige Lebendigkeit im ganzen Körper. Seitdem ist auch meine Beweglichkeit besser geworden, ich kann mich zum Beispiel viel besser bücken als früher. Auch die Balance hat sich deutlich verbessert. Ich fühle mich ausgesprochen wohl in meinem Körper, und auch das hat sich erst durch das Yoga entwickelt und stabilisiert.“

Reinhard I., 64: „Seit nunmehr zweieinhalb Jahren nehme ich am Kurs Yoga 60+ teil und kann mit voller Überzeugung sagen, dass ich auf regelmäßige Yoga-Übungen, vor allem unter dieser ebenso professionellen wie behutsamen Anleitung und in dieser angenehmen Gruppe, nicht mehr verzichten kann. Nicht zuletzt durch die so wichtige Atemtechnik, die bei allen Übungen eine zentrale Rolle spielt, lerne ich die bewusste Wahrnehmung von – angenehmer – Anspannung und Entspannung. Durch die Vielfalt der Übungen, die alle Gliedmaßen und Körperregionen einbeziehen, lerne ich jedes Mal meinen Körper bewusst und konzentriert kennen. All das schafft Wohlbefinden, Ausgeglichenheit, Entspannung (auch wichtig, wenn man wie ich noch im Berufsleben steht) und im wahrsten Sinn des Wortes „Selbst-Bewusstsein“. Übrigens: Niemand ist zu alt, um mit Yoga anzufangen: Mit meinen bald 65 Jahren zähle ich eher noch zu den Jüngeren unserer Gruppe“.