Der Tanz mit dem Stress

von Michaela Kleber

Ende der 80er Jahre fiel mir zum ersten Mal auf, dass sich gerade eine neue soziale Konvention entwickelte: Es schien plötzlich zum Selbstbild eines normalen Berufstätigen zu gehören, dass man „im Stress“ war. Immer wieder sagten Kolleginnen und Kollegen „bist g'rad' im Stress?“ anstelle von „wie geht’s?“ und man erwartete eigentlich von sich selbst und anderen eine bejahende Antwort auf diese Frage. Im Stress zu sein hieß gefragt zu sein, wichtig zu sein, mittendrin im Strom der Ereignisse. Man konnte geradezu stolz darauf sein. Wer nicht im Stress war, war vielleicht faul oder abgehängt, jedenfalls nicht wirklich auf der (Karriere-)Spur. Damals ahnte ich, dass der Dauerstress in Wirklichkeit kein guter Freund und eher ein Zeichen von Überforderung als von Leistungsfähigkeit war. Von da an war meine Anwort: „Nein, ich habe nur viel zu tun.“ Inzwischen hat sich die Einstellung zum Stress stark gewandelt und der Begriff wird fast nur noch negativ gebraucht – vielleicht zu Unrecht.

Was ist eigentlich Stress?

Angesichts von Gefahr für Leib und Leben durch Gewalt, Unfall oder Naturkatastrophen springt in unserem Körper automatisch eine Kette von physiologischen Reaktionen an, die als Kampf- oder Fluchtmechanismus bekannt geworden sind. In einem komplexen Zusammenwirken von Nerven- und Hormonsystem sorgt der Körper zum Beispiel dafür, dass die Sinne geschärft und die Skelettmuskeln stärker durchblutet und besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Alle Organaktivitäten, die für Kampf und Flucht nicht hilfreich sind, wie etwa Verdauung, Sexualität oder Antikörperproduktion werden gehemmt oder ausgeschaltet, um mehr Energie zur Lebensrettung zur Verfügung zu haben. Gleichzeitig wird unser Verhalten mehr über die instinktiven Aktivitäten unseres Gehirns gesteuert, was unsere Entscheidungen schneller aber auch fehleranfälliger macht. Ganz ähnliche Prozesse laufen ab, wenn ein sportlicher Wettkampf, ein Bühnenauftritt, eine Prüfung oder eine schwierige Verhandlung ansteht, eine Aufgabe, die uns in kurzer Zeit hohe Leistung abverlangt. Ist die Gefahr vorbei oder die Aufgabe erledigt, so sorgt der Körper ganz von selbst dafür, dass all diese Reaktionen wieder beruhigt und umgekehrt werden und dass die Anspannung wieder verschwindet.

Angesichts dieser je nach Situation lebensrettenden oder Höchstleistung ermöglichenden Intelligenz des Körpers kann man nur dankbar staunen. Wo ist also das Problem?

Yoga und Achtsamkeit können dabei helfen, die natürliche Flexibilität unseres Nervensystems wiederzuerlangen, nämlich die Fähigkeit, die natürliche (und gesunde) Stressreaktion seltener zu aktivieren und regelmäßig zeitnah wieder zu beruhigen.

Die aufgeschaukelte Energie für Kampf oder Flucht, die ja in der Realität meist gar nicht ausgelebt werden konnte, wird in Bewegung umgesetzt. Danach ist es viel leichter zur Ruhe zu kommen. Das gilt natürlich auch für jeden anderen „Sport“. Die Besonderheit des Yoga ist die Verbindung von Bewegung mit tiefer, ruhiger Atmung und mit dem bewussten Spüren des Körpers. Bewusstes Atmen mit Betonung der Ausatmung wirkt wie ein Umschaltknopf im Nervensystem und verkehrt die Stressreaktion in ihr Gegenteil. Den Körper zu spüren ist immer ein erster Schritt aus der Lähmung (und tatsächlich auch ein wichtiger Bestandteil von Traumatherapien).

Allen yogischen Übungen gemeinsam ist die Achtsamkeit: Wir richten die Aufmerksamkeit immer auf das, was jetzt gerade geschieht. Wenn wir uns daran gewöhnen, unsere Gedanken und Gefühle und die körperlichen Reaktionen, die sie auslösen, bewusst wahrzunehmen, können wir diese Fähigkeit auch im Alltag nutzen. Wir entdecken Stressreaktionen schon im Entstehen und können nach und nach lernen, mit den auslösenden Situationen angemessener umzugehen. Wenn wir wissen, wie wir unser Nervensystem beruhigen, brauchen wir den Stress nicht zu fürchten sondern können in einen lebendigen Tanz zwischen Aktivierung und Beruhigung, Anspannung und Entspannung kommen.