Wozu wir meditieren

von Michaela Kleber

Von außen betrachtet könnte man meinen, Meditation sei ein Rückzug aus dem Leben, geradezu ein Gegensatz zum Leben. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil der Fall: Wir meditieren, um nicht am Leben vorbeizugehen. „Life is what happens to you while you're busy making other plans“ heißt es in einem Lied (Beautiful Boy) von John Lennon. Wir sind so beschäftigt mit unseren Tagträumen, Erinnerungen, Plänen, Befürchtungen und Hoffnungen, dass wir oft nicht mehr mitbekommen, was in uns und um uns herum geschieht. In Gedanken sind wir in der Vergangenheit oder in der Zukunft; Leben findet aber immer JETZT statt.

Dass es so schwer ist, im Hier und Jetzt anwesend zu sein, hat seine Ursache in tiefsitzenden Gewohnheiten: Wir haben die Tendenz, auf jeden Gedanken, der entsteht, sofort aufzuspringen, ihn inhaltlich ernstzunehmen, Emotionen daran zu knüpfen und ihn in langen Assoziationsketten weiterzuspinnen. Das führt dazu, dass wir häufig im Autopilot-Modus durch den Alltag gehen, anstatt wach und präsent und mitten im Leben zu sein. In der Meditation trainieren wir den Geist zunächst, bei einem Objekt der Wahrnehmung zu bleiben, zum Beispiel beim Atem, und etwas Distanz zu unseren Gedanken zu wahren. Haben wir durch diese Übung ein gewisses Maß an innerer Ruhe erreicht, dann können wir die Konzentration auf ein Objekt auch wieder aufgeben, können in jedem Moment alles wahrnehmen was in uns und um uns herum geschieht und in diesem offenen Gewahrsein eine Weile bleiben, ohne in den Autopilot-Zustand zurückzufallen.

Wenn wir den Gedankenstrom nicht mehr mit unserer Aufmerksamkeit nähren, verlangsamt er sich. Wir können sehen, wie Gedanken und Gefühle entstehen, eine Weile „herumhängen“ und sich dann ganz von selbst wieder auflösen. Wie zwischen zwei Gedanken Lücken entstehen. Wie manchmal auf eine Wahrnehmung sofort eine gedankliche Interpretation folgt. Welche unterschiedlichen Gefühlsfärbungen mit verschiedenen Gedanken einhergehen. Wie daraus Handlungsimpulse entstehen. Dass wir frei sind, diesen Impulsen zu folgen oder sie vorüber gehen zu lassen. Wir beginnen zu verstehen, wie unser Geist funktioniert, kommen uns quasi selbst auf die Schliche. An dieser Stelle dürfen wir nicht in die Falle tappen, das Erkannte zu bewerten. Wir brauchen ja nicht noch einen strengen Kommentator im Kopf, der uns unser Ungenügen vor Augen hält. Wenn es uns gelingt, klar zu sehen ohne zu urteilen, dann können wir uns in einem sehr tiefen Sinn selbst begegnen und mit uns selbst Frieden und Freundschaft schließen.

Im Grunde heißt meditieren üben also, nach und nach die eine geistige Gewohnheit durch eine andere geistige Gewohnheit zu ersetzen: Anstatt dem gegenwärtigen Moment auszuweichen, lassen wir lassen uns bewusst auf unsere Wahrnehmungen ein. Was wir spüren, hören und sehen (Riechen und Schmecken kommen in der formalen Meditationsübung eher nicht vor) entsteht in jedem Augenblick neu und hält uns damit im lebendigen Fluss der Gegenwart. So wird auch das Denken und Fühlen zu einem bewussten inneren Sinn, anstatt einfach nur mechanisch abzulaufen: Wir nehmen unsere Gedanken und Gefühle wahr anstatt uns in ihnen zu verlieren. (Buddhisten zählen deshalb sechs statt fünf Sinne.) Diese Bewusstheit dessen, was jetzt geschieht, auch Achtsamkeit genannt, hat im Alltag viele segensreiche Auswirkungen.

Im Autopilot-Modus steigern wir uns manchmal in unnötige Stress auslösende Gedankenschleifen hinein. Wenn wir uns nur wenige Atemzüge lang bewusst mit dem eigenen Atem verbinden, können wir den Kreislauf schon durchbrechen und eine Entspannungsreaktion im Nervensystem auslösen (siehe dazu auch meinen Text „Der Tanz mit dem Stress“). Fragt man in einem Meditationskurs die Teilnehmer nach ihrer Motivation, so hört man am häufigsten, dass sie ruhiger und gelassener werden möchten.

Wir könnten aber auch meditieren, um mehr genießen zu können: Bewusste Sinneswahrnehmung ist der Schlüssel zum Genuss. Wie würde sich unser Leben, wie würden sich unsere Beziehungen verändern, wenn wir beginnen würden, unsere Fähigkeit zum Genießen zu kultivieren? Wenn wir beim Musik hören, beim Wandern, beim Essen, beim Gespräch, bei der Arbeit, beim Sex, beim Spielen mit den Kindern die ganze Zeit über vollkommen anwesend wären?

Vor einigen Jahren erlitt eine gute Freundin schwere Verbrennungen. Als ich sie im Krankenhaus besuchte, fand ich sie mit Verbänden um Kopf und Hände auf ihrem Bett sitzend in stiller Meditation. In guten Zeiten meditieren wir nicht deshalb, um auf schwierige Zeiten besser vorbereitet zu sein. Und doch zeigt die Erfahrung, dass wir in Streit, Trennung und Verlust, in der Sorge um einen geliebten Menschen oder wenn wir selbst mit einer schwerwiegenden Krankheit konfrontiert sind, die Wirkungen regelmäßiger Meditation besonders deutlich spüren: Wir haben gelernt, nichts „dazu zu machen“. Uns nicht zu verstricken in Fantasien über die Motivation von anderen. Den Schmerz, der mit der jeweiligen Situation unvermeidlich verbunden ist, nicht durch panische oder quälende Gedanken in unnötig großes Leid zu verwandeln. Stattdessen halten wir uns am eigenen Atem fest, fühlen, was zu fühlen ist, und vertrauen darauf, dass irgendwann das Unerträgliche erträglich werden wird, wie eben alles im Leben sich ständig wandelt.

Und nicht zuletzt meditieren wir, um Qualitäten wie Offenheit, Klarheit, Güte, Großzügigkeit, Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit, Verbundenheit, Freudigkeit in unserem Geist zu kultivieren, kurz: um glücklich zu sein. In der Stille erinnern wir einen heilsamen Geisteszustand, den wir uns wünschen, spüren, wie es sich anfühlt, in diesem Zustand zu sein, „baden“ uns gewissermaßen darin und spuren damit Wege in unserem Geist, die dann immer leichter zu gehen sind. Wir öffnen unser Herz und ahnen, wie wir Menschen eigentlich gemeint sind.