Achtsamkeit und Gewissen

von Michaela Kleber

In der Süddeutschen Zeitung vom 4. März berichtet Sebastian Herrmann in der Rubrik Wissen über einen Artikel aus dem European Journal of Social Psychology: In fünf Experimenten ließen Psychologen die Probanden zunächst Achtsamkeitsübungen ausführen. Danach wurden sie mit fiktiven Situationen konfrontiert, in denen sie anderen Schaden zugefügt hatten. Es ging darum, ob sie deswegen ein schlechtes Gewissen hatten und inwieweit sie bereit waren Wiedergutmachung zu leisten. Zwei der fünf Versuche ergaben Hinweise darauf, dass die Achtsamkeitsübungen möglicherweise sowohl das schlechte Gewissen als auch die Bereitschaft zur Wiedergutmachung reduziert hatten.

Herrmann schließt daraus, dass Achtsamkeitsübungen – quasi als negative Nebenwirkung – das Gewissen schwächen können. Der Rest des Artikels ist eine Schilderung des modernen Hypes um die Achtsamkeit und die ihr zugeschriebenen Wunderwirkungen. Der Autor kritisiert, dass die Vertreter dieses Hypes die Achtsamkeit einseitig in ein positives Licht rückten anstatt sich auch mit ihren Schattenseiten zu beschäftigen.

Was ist eigentlich Achtsamkeit?

Achtsamkeit heißt, die Aufmerksamkeit stets auf das zu richten, was jetzt passiert. Was jetzt passiert, erfahren wir über unsere sinnliche Wahrnehmung. Zu den Sinnen zählt dabei neben den bekannten fünf Sinnen Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Spüren auch der innere Sinn, das heißt unsere Wahrnehmung der geistig-seelischen Vorgänge Denken und Fühlen. Achtsamkeit zu üben kann entweder die Form einer formalen Meditationsübung haben, mit der man sich für eine bestimmte Zeit aus dem Alltag herausnimmt, oder es kann bedeuten, im Alltag bei dem, was man gerade tut, mit allen Sinnen präsent zu sein und alles was geschieht bewusst zu erleben. In der Regel braucht man eine längere Zeit der regelmäßigen formalen Meditationsübung, um die Fähigkeit zu entwickeln, die Achtsamkeit im Alltag aufrecht zu halten.

Achtsamkeitsmeditation beginnt stets als Konzentrationsübung: Ich nehme zum Beispiel die Atembewegung am Bauch als Fokus und übe mich darin, mit meiner ganzen Aufmerksamkeit an diesem Punkt zu bleiben. Was auch immer sonst geschieht (Gedanken, Geräusche, andere Körperempfindungen etc.) darf sein, kann auch wahrgenommen werden, soll aber nicht die Aufmerksamkeit vom Atem abziehen. Sobald ich merke, dass ich abgelenkt war, kehre ich wieder zurück zur Atembewegung am Bauch. Wenn durch diese konzentrative Übung eine gewisse Stabilität im Geist erreicht worden ist, nutzt man sie zur Erforschung des Geistes, das heißt, man schaut sich die eigenen Gedanken und Gefühle an, ohne irgendetwas auszuschließen aber auch ohne sich darin zu verwickeln. Man beginnt zu sehen und zu verstehen, wie der eigene Geist funktioniert. Und man entwickelt eine gewisse Freiheit, die eigenen inneren Muster immer wieder zu durchbrechen. In diesem Stadium spricht man vom „offenen Gewahrsein“. Wenn es gelingt, das offene Gewahrsein eine Weile aufrechtzuerhalten, ohne sich wieder in den Strudel der Gedankeninhalte zu verstricken, dann ist es in der Regel auch möglich, im Alltag über längere Zeit hinweg achtsam zu bleiben, ohne in den „Autopilotmodus“ zurückzufallen.

Der Hype um die Achtsamkeit

An dem Hype um die Achtsamkeit hat ein Mann namens Jon Kabat-Zinn einen großen (wenn nicht den größten) Anteil. Kabat-Zinn, Molekularbiologe und Medizinforscher, hat 1979 die Stress Reduction Clinic am Medical Center der University of Massachussetts gegründet und bis Ende der neunziger Jahre geleitet. Dort hat er ein standardisiertes Kursformat entwickelt, das als MBSR (Meditation Based Stress Reduction) bekannt geworden und inzwischen an unzählige Lehrerinnen und Lehrer in Amerika und Europa weitergegeben worden ist. Kabat-Zinn ging es darum, Menschen, die an stressbedingten oder durch Stress verschlimmerten chronischen Krankheiten litten (und aus schulmedizinischer Sicht häufig auch austherapiert waren), Mittel zur nachhaltigen Verbesserung ihrer körperlichen und geistig-seelischen Befindlichkeit in die Hand zu geben. Die Übungen nahm er aus der buddhistischen Vipassana-Meditation, aus dem Zen und aus dem Yoga. Dabei befreite er die Achtsamkeitsmeditation von all ihren religiösen Aspekten und behandelte sie als „Kulturtechnik“ und Menschheitserbe, das allen zugänglich sein sollte. Entstanden in einem universitären Umfeld sind die stressreduzierenden und gesundheitsfördernden Wirkungen dieser Kurse von Anfang an sehr gründlich beforscht worden.

Müssen wir nun nach der von Herrmann in der Süddeutschen beschriebenen Studie vor negativen Nebenwirkungen der Achtsamkeit auf Gewissen und Moral Angst haben? Ein Blick auf die Ursprünge der Achtsamkeitsmeditation aus Buddhismus und Yoga liefert drei Ansätze für die Antwort.

Achtsamkeit ersetzt nicht Ethik

Vermutlich war die Achtsamkeitsübung, welche die Probanden in den Tests ausführen sollten, rein konzentrativer Natur. Selbstverständlich steigert eine verbesserte Konzentration die Leistungsfähigkeit. Konzentriert geht alles besser und effizienter. Das wissen wir alle schon seit unserer Schulzeit. Ebenso selbstverständlich scheint mir zu sein, dass Konzentrationsfähigkeit als solche ethisch neutral ist und dass alles davon abhängt, wofür wir sie einsetzen.

Im klassischen Yoga begann der achtfache Pfad mit den Yamas, den ethischen Richtlinien für das Verhalten gegenüber anderen Menschen: Die Gewaltlosigkeit stand dabei an höchster Stelle. Erst wenn ein Yogi die Maxime der Gewaltlosigkeit verinnerlicht hatte, konnte man sicher sein, dass er die Kraft, die aus der konzentrativen Meditation entsteht, nicht missbrauchen würde. Im Buddhismus wird die Achtsamkeitsmeditation am Ende stets dem Wohl aller Wesen gewidmet oder sie wird mit Meditationen zur Entwicklung von liebevoller Güte und von Mitgefühl verbunden.

Dass eine hochentwickelte Konzentrationsfähigkeit auch missbraucht werden kann, ist nichts Neues. Im Yoga wie im Buddhismus gibt es dazu viele Geschichten. Eine der bekanntesten ist vielleicht die des tibetischen Weisheitslehrers Milarepa (11./12. Jhdt.). Der Sage nach hat er in seiner Jugend Konzentrationstechniken erlernt, die ihm einen Zugang zur Schwarzen Magie ermöglichten. Er hat diese Fähigkeiten genutzt, um sich an Menschen zu rächen, die seiner Familie Übles zugefügt hatten, und damit viel Leid verursacht. Entsprechend lange musste er später daran arbeiten, Mitgefühl und inneren Frieden zu entwickeln.

Von der Konzentration zum offenen Gewahrsein

Wenn wir von der Konzentration auf den Atem zum offenen Gewahrsein übergehen, empfinden wir unsere Gedanken und Gefühle nicht mehr als „Störung“. Wir nehmen alles wahr und schließen nichts aus. Wir erforschen unsere inneren Prozesse und lernen uns selber besser kennen. Im Buddhismus wird dieser Aspekt der Meditation Vipassana genannt, was soviel wie klares Sehen bedeutet. Wenn das offene Gewahrsein vom Meditationsschemel in den Alltag sickert, kann der/die Meditierende die Stimme des Gewissens kaum überhören, ebenso wenig wie er/sie ignorieren kann, welche Angst oder welcher Ehrgeiz ihn/sie überhaupt dazu antreibt, eine ethisch fragwürdige Zielsetzung zu verfolgen.

Kein Meditationsweg ohne das Hinterfragen von Zielen

Im Yoga und im Buddhismus haben alle Meditationsübungen letztlich den Zweck, unser eigentliches Wesen zu erkennen. Was uns normalerweise einen tieferen Zugang zu uns selbst verstellt, ist die Anhaftung an dem falschen Bild, das wir von uns haben und in dem – je nach individueller Persönlichkeit – materieller Erfolg, Beliebtheit, Schönheit, Fitness, Image, Einfluss, unsere Rollen in der Gesellschaft oder unsere Zugehörigkeit zu einer Ideologie, Religion, Nation, Wissenschaft oder ähnlichem eine besonders wichtige Rolle spielen.

„Das stets große Heer der Suchenden, der Unzufriedenen, Gestressten und Sehnsüchtigen hofft, dass ihnen Achtsamkeit hilft, die Fesseln des Alltags zu lockern und im Leben voranzukommen“ schreibt Sebastian Herrmann. Und genau da liegt das Problem: Wenn die Achtsamkeit dem „Vorankommen im Leben“ dienen soll, stellen wir unser Bild von uns selbst nicht in Frage. Wir stellen die verbesserte Konzentrationsfähigkeit in den Dienst unseres Egos oder auch in den Dienst eines fremden Auftraggebers, sei es eine Firma oder eine militärische Einheit. (Auch Milarepa hat nach der Sage die Schwarze Magie auf das Drängen seiner Mutter hin erlernt und ausgeübt.)

Ist nicht gerade der Zwang zum ständigen Vorankommen eine Hauptursache für den Stress, der uns erst zur Achtsamkeitsübung gebracht hat? Wenn wir in der Meditation tiefer gehen und im offenen Gewahrsein die Flüchtigkeit unserer Gedanken und Gefühle erfahren, hören wir auf unsere Errungenschaften und Erlebnisse wichtig zu nehmen, und richten den inneren Blick auf die Bewusstheit selbst, die all das erlebt. Und aus dieser Sicht relativieren sich viele Ziele, hören wir ganz allmählich auf, unserem eigenen Ego und dem anderer Herren dienstbar zu sein, und werden frei, unsere Wertigkeiten, Zugehörigkeiten und Engagements ganz neu zu setzen.