Der Beckenboden: Tabuzone, Ärgernis oder Kraftquelle?

von Michaela Kleber

Wir leben in einer Welt, in der sexualisierte Bilder und Themen in den Medien, in der Kunst und in der Werbung völlig selbstverständlich und beinahe allgegenwärtig sind. In den vergangenen fünfzig Jahren haben wir – so könnte man meinen – die Sexualität und die dazugehörigen körperlichen Funktionen vollständig enttabuisiert. Ich behaupte, Tabuisierung und Scham haben sich lediglich ein wenig verlagert: Hätte man sich in den Sechziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts noch geschämt, die eigenen sexuellen Wünsche zuzugeben, so geniert man sich heute vielleicht eher, eigenen oder fremden Vorstellungen von gesunder sexueller Aktivität oder „Fitness“ nicht zu entsprechen. Diese fortdauernde Tabuisierung betrifft auch unseren Umgang mit dem Beckenboden.

Der Beckenboden ist ein Geflecht aus Muskeln und Bindegewebe und schließt das knöcherne Becken nach unten ab. Er hält die Organe an ihrem richtigen Platz, ist mitverantwortlich für das Öffnen und Schließen von Harnwegen und Darm, muss sich beim Sex anspannen und entspannen können und ist Teil der Muskel- und Bindegewebskette, die für die Aufrichtung des Beckens und die Entlastung des unteren Rückens zuständig ist. Auch für das allgemeine Gefühl von körperlicher Spannkraft und Fitness ist der Beckenboden wichtig. Trotzdem sind wir von einem aufgeklärten und bewussten Umgang mit diesem Teil unseres Körpers immer noch weit entfernt. Die meisten Menschen haben kein oder nur ein vages inneres Bild von ihrem Beckenboden, keine klare Vorstellung von seinen Funktionen und erst recht keine Idee, wie sie seine Muskulatur willentlich ansteuern können. Fordert man in einer Yogastunde ohne weitere Vorbereitung die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf, den Beckenboden anzuspannen, dann sieht man viele fragende Gesichter.

Wenn sich der Beckenboden von selber bemerkbar macht, dann ist das meist ein Ärgernis, ein Zeichen für den versäumten Rückbildungskurs, für fortgeschrittenes Alter und mangelnde Fitness und als solches erst recht schambesetzt. Inkontinenz, Impotenz (Männer haben auch einen Beckenboden!), mangelnde sexuelle Lust, Blasen- oder Gebärmuttersenkung sorgen dafür, dass wir den vorher lebenslang fremd gebliebenen Beckenboden erst unter negativem Vorzeichen näher kennenlernen.

Deshalb möchte ich dazu anregen, dass wir uns auch „ohne Not“ mit dem Beckenboden beschäftigen. Was können wir dadurch gewinnen?

Das Zusammenziehen und Erschlaffen der Beckenbodenmuskeln dient hauptsächlich der Stabilität der Beckenorgane, der Kontrolle über die Ausscheidungen und dem Liebesspiel. Wenn wir lernen, die Beckenbodenmuskulatur bewusst anzusteuern und zu benutzen, können wir ihre Fähigkeit zu elastischer Anspannung und Entspannung erhalten oder wiedergewinnen und damit einem Funktionsverlust in diesen Bereichen vorbeugen.

Darüber hinaus hat der Beckenboden viel mit der Aufrichtung des Beckens und Entlastung des unteren Rückens zu tun. Über die isolierte Betrachtung des Beckenbodens allein kann man das erst einmal nicht verstehen. Seine Muskeln sind am knöchernen Becken (Steißbein, Kreuzbein, Schambein, Beckenschaufeln) angewachsen. Zu bewegen gibt es da nicht viel: Die Knochen unseres Beckens können sich gegeneinander nur im Millimeterbereich verschieben, die Knorpel dazwischen (z.B. die Iliosakralgelenke zwischen dem Kreuzbein und den Beckenschaufeln) sind keine richtigen Gelenke. Wer schon einmal eine osteopathische Behandlung genossen hat, weiß aber, dass man die Funktionsweise von Muskeln auch anders betrachten kann als über ihre Sehnenansätze an den Knochen. Muskeln sind durch Faszien (Bindegewebe) miteinander verbunden und beeinflussen sich auf diesem Weg gegenseitig. Zum Beispiel gibt es einen spürbaren und nutzbaren Zusammenhang zwischen dem Beckenboden und den geraden Bauchmuskeln. (Nur) zusammen mit den Bauchmuskeln kann der Beckenboden den unteren Rücken effektiv entlasten und so für einen schmerzfreien Rücken sorgen.

Ein elastischer Beckenboden unterstützt die Atmung, wie man im Yoga beim Üben eines ruhigen langen Ujjayi-Atems erfahren kann: Einatmend weitet sich die Brust, das Zwerchfell zieht sich zusammen und drückt nach unten auf die Bauchorgane. Bauch und Beckenboden reagieren mit Entspannung, um den Bauchorganen Platz zu machen. Ausatmend spannen Bauch und Beckenboden wieder ein wenig an und sorgen für einen gewissen Druck nach oben, der dem Zwerchfell hilft, sich seinerseits nach oben zu entspannen. In diesem Wechselspiel zwischen dem Zwerchfell einerseits und Beckenboden und Bauch andererseits entsteht eine sehr tiefe Atmung und werden gleichzeitig die Bauchorgane massiert, bewegt und durchblutet.

Und nicht zuletzt entsteht im Zusammenspiel von Beckenboden- und Bauchmuskulatur ein Gefühl von Kraft und Stabilität, ein Gehaltensein in unserer Körpermitte, das uns eine gute Balance und einen beschwingten Gang schenkt, eine Lebendigkeit, die sich ohne Weiteres der Seele mitteilt.