Ayurveda: Das Wissen vom (langen, glücklichen) Leben

von Michaela Kleber

Ayurveda ist eine Gesundheitslehre, die ihre Ursprünge vor mehr als 3000 Jahren in Indien hat. Wörtlich übersetzt heißt Ayur Leben und Veda Wissen, Ayurveda also das Wissen vom Leben. Dabei geht es immer auch um ein langes und erfülltes Leben: „Dem Leben mehr Jahre, den Jahren mehr Leben!“ ist ein Ayurveda-Satz, den ich einmal gehört habe.

Ayurvedisch zu kochen, sich eine ayurvedische Massage geben zu lassen oder gar eine (meist sehr teure) Ayurveda-Kur zu machen ist schick und gehört durchaus zu den Lifestyle-Abenteuern, von denen man gerne berichtet. Die meisten von uns wissen aber nicht wirklich, warum dieses alte Erfahrungswissen für uns moderne westliche Menschen überhaupt interessant ist. Einiges von dem, was ich bisher davon verstanden habe, will ich hier erzählen.

Im Gegensatz zu unserer westlichen Medizin ist Ayurveda keine Lehre von den Krankheiten und ihrer Heilung sondern eine Lehre von der Gesundheit und ihrer Erhaltung bzw. Wiederherstellung. Gesundheit wird im Ayurveda ganzheitlich und prozesshaft gedacht: Wenn wir gesund sind, sind die in uns wirkenden Kräfte in ihrem natürlichen Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht ist dynamisch und wird in einem lebendigen Prozess des Reagierens auf äußere und innere Ereignisse ständig neu hergestellt. In diesem Prozess sind Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden; man spricht auch vom Körpergeist oder der Körpergeistseele, um diese Untrennbarkeit auszudrücken. So ist zum Beispiel ein wichtiges Zeichen von guter Gesundheit das spontane Auftauchen von grundlosem Glücklichsein. Gesundheit ist hier also etwas anderes als die Abwesenheit von Krankheiten, sie ist eine Lebensweise, die es dem Körper leicht macht, sein natürliches Gleichgewicht bei Störungen immer wieder herzustellen, und die es dem Geist erlaubt, sein innewohnendes Glücklichsein immer wieder aufstrahlen zu lassen.

Alle Lebewesen haben Struktur und Stoffwechsel und können sich bewegen; im Ayurveda sind die drei Grundkräfte der Natur (die Doshas) genau für diese Bereiche zuständig. Sie heißen Vata (zuständig für die Bewegung, also zum Beispiel für Atmung, Blutkreislauf, Ausscheidung und Bewegungsapparat), Pitta (zuständig für den Stoffwechsel, also zum Beispiel für die Verdauung, die Wärmeregulation, aber auch für den Intellekt und das geistige Verarbeiten) und Kapha (zuständig für die Struktur, also zum Beispiel für Körperstruktur, Wasserhaushalt, Energiereserven und Leistungsfähigkeit). Die Grundkonstitution eines Menschen ist ein – individuell je unterschiedliches – Gleichgewicht dieser drei Kräfte. Jeder äußere Sinneseindruck (Farben, Gerüche, Geschmack, Geräusche, Temperatur, also auch Tageszeit, Jahreszeit, Klima, Landschaft, Wohnumgebung, Begegnungen, Kleidung, Essen etc.) und jede innere Bewegung unseres Geistes (Aufmerksamkeit, Gedanken, Gefühle etc.) kann Eigenschaften der Doshas abschwächen oder verstärken. Die natürliche Intelligenz unseres Körpergeistes ist dauernd mit dem Ausgleich dieser Einflüsse beschäftigt; wir sind also in einem ständigen Prozess der Wiederannäherung an das individuelle Gleichgewicht. Krankheitssymptome werden entsprechend als starkes Ungleichgewicht der Grundkräfte gedeutet, bei dem oft auch noch die Fähigkeit zur Wiederannäherung an das Gleichgewicht gestört ist.

Die ayurvedische Heilkunde ist darauf ausgerichtet, solche Ungleichgewichte der Doshas zu erkennen und auszugleichen, zum Beispiel ein überbordendes Vata zu besänftigen oder ein geschwächtes Pitta wieder aufzubauen. Dies geschieht mit Kräutermedizin, Ölmassagen und Ölgüssen, Wärmetherapie, Reinigungsbehandlungen und ähnlichen Maßnahmen. Immer spielen dabei auch Anweisungen zur täglichen Lebensführung und Ernährung eine Rolle.

Da alles, was uns begegnet, die Grundkräfte beeinflussen kann, kann auch alles in der Welt eine heilsame Wirkung haben. Eine alte Legende illustriert diese Überzeugung: Nagarjuna, ein berühmter Ayurveda-Mediziner und der Leibarzt von Buddha Gautama, musste als junger Mann zusammen mit anderen eine Prüfung bestehen, um zum Studium des Ayurveda zugelassen zu werden. Die Aufgabe war, diejenigen Dinge aus der Natur zu sammeln und zu bringen, die keine Heilkräfte hätten. Alle Bewerber kamen nach einer Weile zurück und hatten Blätter, Wurzeln oder Steine gefunden, die ihrer Meinung nach diese Bedingung erfüllten. Nur Nagarjuna erschien erst nach einer Woche wieder und hatte nichts finden können, was nicht unter geeigneten Umständen Heilkräfte entfalten könnte.

Die Kategorien und Zusammenhänge, in denen im Ayurveda gedacht wird, sind uns erst einmal sehr fremd, und man braucht ein wenig Geduld, um sich darin zurecht zu finden. Insbesondere wenn es um echte gesundheitliche Probleme geht, sollte man lieber einen ausgebildeten ayurvedischen Arzt oder Heilpraktiker zu Rate ziehen als sich auf das eigene Verständnis zu verlassen. Trotzdem lohnt sich nach meiner Erfahrung die Beschäftigung mit dieser fremden Welt. Drei Aspekte machen Ayurveda für mich besonders spannend:

Erstens gehören Yoga und Meditation selbstverständlich zur ayurvedischen Vorstellung von einem gesunden Leben. Für mich als Yogalehrerin ist es also naheliegend mit Ayurveda-Ärztinnen oder Ayurveda-Heilpraktikern zusammenzuarbeiten.

Zweitens erkennt die ayurvedische Medizin krankmachende Ungleichgewichte viel früher und hat damit mehr Möglichkeiten der Prävention als die westliche Medizin. Krankheiten entstehen nach ayurvedischer Sicht in sechs Stufen: Nur die letzten drei Stufen – die Vorboten einer Erkrankung, das Erkennbarwerden der typischen Symptome und das voll ausgeprägte Krankheitsbild – spielen in der naturwissenschaftlichen Medizin eine Rolle. Der Ayurveda-Arzt erkennt ein gestörtes Dosha schon bevor klare Vorboten einer Erkrankung erscheinen und kann darauf therapeutisch reagieren.

Drittens – und das ist vielleicht der wichtigste Punkt – ergeben sich aus dem Ayurveda eine Fülle von Anregungen für unser Verhalten im Alltag und damit Ansatzpunkte für selbstverantwortliches Handeln. Weil hinter diesen Anregungen eine in sich logische Gesundheitslehre steht, interessieren sie mich mehr als die eher zusammenhanglosen und häufig wechselnden Gesundheitstipps unserer eigenen Kultur. Besonders deutlich wird dabei auch, warum nicht ein und dasselbe Verhalten (Tagesablauf, Schlafdauer, Ernährung, Tätigkeiten etc.) für alle richtig sein kann: Jeder Mensch hat abhängig von Typ und Lebensalter sein individuelles Gleichgewicht der Doshas und damit auch individuelle Empfindlichkeiten und Stärken.

Den Alltag konsequent nach ayurvedischen Prinzipien auszurichten wäre sicherlich eine starke Überforderung. Wer schon einmal ernsthaft versucht hat, auch nur ein oder zwei Gewohnheiten zu ändern, weiß, wie schwierig das sein kann. Mir hilft da eine eher leichtfüßige Herangehensweise: Im Lauf der letzten Jahre habe ich immer wieder einmal ayurvedische Ratschläge für den Alltag ausprobiert und nur das beibehalten, was sich als einfach, praktisch und wohltuend erwiesen hat. Mindestens in einer Hinsicht kann ich objektiv messbare Folgen für meine Gesundheit feststellen: Mit Hilfe einer Ayurveda-Heilpraktikerin ist es mir gelungen, nur durch eine einfache Umstellung meiner Ernährung lästige Entzündungen in meinen Fingergelenken zuverlässig zu vermeiden.